Kontakt|| Blog|| Sitemap|| deutsch | english
Veranstaltung

Das Fremde und das Eigene - Europa als Provokation für interkulturelle Kompetenz

 

Internationales Kolloquium, Brüssel, 21. März 2012


Zeit: 21. März 2012, 9 – 18 Uhr

Ort: Europäisches Parlament, Kleiner Delegationssaal, PHS 1C51

Sprachen: Deutsch, Englisch

Kontakt: Marc Walenta, Email, Tel. 02-7387660

 

Das Fremde und das Eigene in der kulturellen Vielfalt Europas sind ein gemeinsamer Reichtum, der sich nicht aus sich selbst heraus erschließt, sondern erst in der Konstruktion von Ähnlichkeit und Differenz. Ähnlichkeit ist nicht Übereinstimmung oder Identität. Wenn wir von Ähnlichkeit ausgehen, charakterisieren wir gleichzeitig eine spezifische Differenz – also das Unterschiedliche.

Wenn sich so etwas wie das Muster einer europäischen Identität charakterisieren ließe, dann würde sich dies ohne Zweifel im Spannungsverhältnis zwischen Ähnlichkeit und Differenz entwickeln. Wenn sich so etwas wie eine Bildungsaufgabe für Europa formulieren ließe, müsste sich die Entwicklung des europäischen Bewusstseins in diesem Spannungsverhältnis verorten. Klassisch dafür sind Selbsterkenntnis und Selbstdistanz als Voraussetzung dafür, Fremdes in uns selbst und im Anderen akzeptieren zu können. In der Tat, eine hohe Anforderung, bezieht sie sich doch auf den sich selbst denkenden Menschen (Norbert Elias). Europa als Bezugsort bietet sich in ganz besonderer Weise dafür an, einen solchen Erkenntnisprozess zu fördern (nicht zuletzt in der schlichten Einsicht, dass die Anderen nicht besser oder schlechter, sondern eben nur anders sind). Insofern ist europäisches Bewusstsein als nationalistisches oder identitäres nicht denkbar.

Die EU-Kommission hat in ihrem programmatischen Text zu dem europäischen Jahr des Interkulturellen Dialogs 2008 als Basis dafür emotionale Kompetenz und interkulturelle Sensibilität benannt. Interkultureller Dialog muss aber auch die Sensibilisierung für herrschaftsgeleitete, asymmetrische Kommunikation beinhalten. Damit sind nicht nur klassische Machtverhältnisse Gegenstand, sondern im europäischen Kontext insbesondere das Verhältnis von Mehrheiten und Minderheiten. Die Frage der gleichen Rechte, der sozio- ökonomischen Integration und der kulturellen Autonomie wird aber weitgehend im nationalen Kontext entschieden. In den meisten europäischen Gesellschaften gibt es Diskriminierung und sozialen Ausschluss bestimmter Minderheiten – extrem, bis hin zu Rassismus und Verfolgung, ist jedoch insbesondere in mittel-osteuropäischen Ländern die Situation der Minderheit der Roma.

Um herrschaftsgeleitete asymmetrische Kommunikation zu dekonstruieren, braucht es Gegenbilder von Freiheitsräumen – die als dritter Ort beschreibbar sind und einen gemeinsamen Bezugspunkt in der Kommunikation darstellen. Solche Bezugspunkte können z.B. sein: Kunst (Grenzüberschreitung, Freiheitsraum), Bildung (Wissen als subjektive Aneignung der Welt), Philosophie (Weltwissen), Religion (Gemeinschaftserfahrung) und die Menschenrechte.

Wir wählen zwei solcher Bezugspunkte für die Diskussion in dem Kolloquium: Kunst und Menschenrechte.

„Die Kunst im Sinne eines interkulturellen Dialogs ist Medium von Kommunikation und zugleich Kommunikation per se. Ihre mediatorische Dimension ergibt sich daraus, dass sie Resultat und Auslöser von gesellschaftlichen Prozessen ist, die auf der Produktion und Rezeption von künstlerischen Werken und Konzepten beruhen. Auf Grund dieser notwendigen Verbindung sind sie mehr als ‚nur’ Kunst. Dieses ‚Mehr’ ist ihr ‚Anderes’ was daraus resultiert, dass die Gesellschaft nicht durchgängig in sich künstlerisch reflektiert ist; wäre sie es, gäbe es keine Kunst mehr. Die ästhetischen Modi und Strategien der Vergesellschaftung jedoch (ökonomisch, politisch, institutionell) sind Elemente und Strukturen der Realität, auf die die Kunst durchgreift und dadurch ihre eigene Realität hervorbringt.


Als ‚lingua franca’ folgt die Kunst keiner feststehenden Grammatik. Vielmehr bezieht sie eine Vielzahl von Grammatiken aufeinander, deren Regeln in ihrer Rückbezüglichkeit auf die jeweils intendierten Vorstellungen und Konzepte auch eine Vielzahl von Anschlussmöglichkeiten eröffnen. Nicht alle sind von allen und von den einigen auch nicht in jeder Hinsicht zu verifizieren. Dennoch oder gerade deswegen bilden sich kunst- und lebensgeschichtliche Kontinuitäten, die als Verständigung über Gemeinsamkeiten und/oder Verschiedenheiten der Weisen der Weltwahrnehmung –d.h. kommunikativ – erfahren werden können. Solche Verständigung befördert das Bewusstsein von Grenzen und - damit verbunden – der Geltungshorizonte von Eigensinn“ (Wolfgang Siano, Brüssel 2010).

„Menschenrechte sind Widerstandsrechte gegen Formen der Ungerechtigkeit und Unterdrückung ... Wer für Menschenrechte kämpft, muss stets das Geschick des einzelnen Menschen im Blick haben, aber ebenso den politisch-strukturellen Rahmen, in dem sich das Leben in Gemeinschaft vollzieht. Freiheitsrechte gibt es nicht, ohne dass sich Freie für die Freiheit anderer einsetzen, die um ihre Grundrechte betrogen werden.“ (Friedrich Schorlemmer, Brüssel 2009).


Innerhalb der Europäischen Union, werden in einzelnen Ländern die Menschenrechte der europäischen Minderheit der Roma massiv verletzt. In den Jahresberichten der Agentur der EU für Grundrechte (FRAU) in Wien, wird immer wieder über massive rassistische Verfolgung und Gewalt gegen Roma berichtet. Auch die Abschiebung von Roma aus einzelnen Ländern (Frankreich, Deutschland) ist Teil des permanenten Skandals der Verletzung der Menschenrechte innerhalb der EU. Es geht aber nicht nur darum, diese Realität zu skandalisieren, es geht auch darum, Initiativen zu ergreifen, die kulturelle Autonomie, Respektierung und Anerkennung verwirklichen – als Provokation gegen Heuchelei und ‚Victimisation’.

Wir laden Dich/Sie dazu ein, in dem Kolloquium am 21. März 2012 in freier Rede und durchaus mit aktionistischen Beiträgen, mit Blick auf die beiden hier benannten Bezugspunkte – Kunst und Menschenrechte – zur Vertiefung des interkulturellen Dialogs beizutragen.

B. Daiber, L. Thorn, R. Kulke , M. Walenta

 

Programm: Download-PDF 2.7 MB

 

Anmeldung erwünscht bei Marc Walenta: walenta@rosalux-europa.info

 

 

Programm:

Mittwoch, 21. März 2012

Moderation: Lydia Thorn Wickert

9.30 Uhr Begrüßung
Lothar Bisky, MdEP, Fraktionsvorsitzender der GUE/NGL im Europäischen Parlament – Gibt es eine europäische Medienöffentlichkeit? Im Gespräch mit Birgit Daiber

9.45 Uhr Part I – Theoretische Überlegungen & Diskussion
Birgit Daiber – Motivation des Kolloquiums
Wolfgang Siano – Überlegungen zur Kunst als „Dritter Ort“ und „Lingua Franca“ des Interkulturellen Dialoges
Marcelo da Veiga – „ Integrative Bildung als eine Herausforderung für die Alanus Hochschule“

11.15 Uhr Kaffepause

 

11.30 Uhr Part II
Ulrika Eller-Rüter – Touches and Brushes
Koray Yilmaz- Günay - Einwanderung nach Deutschland. Zu Ausgrenzungserfahrungen und Teilhabe-Chancen in der Einwanderungsgesellschaft.
Rene G. Daniel – Mythen & Vorurteile, Alltag junger Roma
Valeriu Nicolae – Über Film und Roma
Apard Dobriban – Berichtet über die künstlerische Arbeit mit Kochen

13.30 Uhr Mittagspause


14.30 Uhr Part III
Adnan Tabatabai – “Musik als Schlüssel für interkulturelle Verständigung”
Linda Nadji – Die Umwertung durch die künstlerische Tätigkeit
Marie-Christine VERGIAT – Menschenrechte im Interkulturellen Dialog. Chancen & Problem in der politischen Arbeit auf Europäischer Bühne
Zoltán Buni – Zur Gegenwärtigen Situation in Ungarn und dem Verhalten der Regierung gegenüber den Minderheiten und rassistischen Parteien und Bewegungen

16.15 Uhr Kaffepause


16.30 Uhr Part IV – Schlussrunde
Guillermo Ruiz - Interkultureller Dialog
Tanja Langer – „Der Himmel über Kabul“ - Literatur als idealer Ort für das „Leben mit Bindestrich“. Ein afghanisch-deutsches Romanprojekt
Thomas Schulz und Wolfgang Siano – Künstlerischer Beitrag

 

Abschlussdiskussion:
Sind die von uns gewählten Bereiche, Kunst und Menschenrechte, ein guter „dritter Ort“ für den Interkulturellen Dialog?

18 Uhr Ende

Stehcafé Möglichkeit zu Gesprächen
 

Quellen:


Friedrich Schorlemmer: Im Mittelpunkt steht der Mensch - Die allgemeinen Menschenrechte und die europäische Linke, Brüssel 2009

mehr ►

 

Wolfgang Siano: Überlegungen zur Kunst als ‚Dritter Ort’ und ‚Lingua Franca’ des interkulturellen Dialogs, Brüssel 2010

mehr ►